Über den Künstler

Gedanken zum Wesen der Kunst Ernst Steinackers

Die Kunst Ernst Steinackers spricht und kündet von einer zeitlosen Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht nach dem Erspüren der Seele, nach der menschlichen Nähe und Einheit, nach der gläubigen Liebe und der jenseitigen Erfüllung. Wie es der Künstler selbst immer sagte, war es das Anliegen seiner Kunst Bilder der Seele zu schaffen, um den Himmel zu öffnen.
Sich selbst und dieser seiner künstlerisch-menschlichen Sehnsucht gegenüber ist der Bildhauer und Maler Ernst Steinacker sein Leben lang treu geblieben — in einer sehr authentischen, unverwechselbar natürlichen Weise.
Zeitlebens war der Mensch, das Menschenbild Thema seines künstlerischen Suchens und Schaffens: Der Mensch zwischen Geburt und Tod, der Mensch in seinen Fragen und Träumen, der Mensch in seiner Verstrickung und Erlösung und der Mensch vor allem in der Sehnsucht und Schönheit seiner Seele.
So spielt das Bild des Menschen, insbesondere das Antlitz, das Haupt des Menschen, in der Kunst Ernst Steinackers eine bedeutende, ja die eigentlich tragende Rolle. Was ist dem Menschen näher als sein eigenes Bild? Es ist, als bedürfe seine Kunst immer wieder dieser Selbstbestätigung durch das menschliche Gesicht, jenem Motiv, das wie kaum ein anderes Körperliches, Geistiges und Seelisches in sich vereint.
Die Suche nach dem Bild des Menschen legt immer auch eine Beziehung zum Seelischen, zum Religiösen offen; sie kann entsprechend der Ebenbildlichkeit von Gott und Mensch davon nicht getrennt werden. Aus diesem metaphysischen, urbildlichen Seinsbezug verbürgen letztlich die Schöpfungen Ernst Steinackers ihre Reinheit und Integrität. Mit weit geöffneten Augen blicken die Antlitze in die Welt; still und bewegungslos, staunend, in sich gekehrt. Das Auge, das Sehen, verharrt in einer Schau. Man hat oft den Eindruck, die Köpfe blicken in eine unbekannte, aber gegenwärtige jenseitige Welt.
Die Motive und Themen des Künstlers wachsen mit diesem Fragen und Ringen nach dem inneren Menschen aus innerer Notwendigkeit und mit ihnen Formen und Antworten nach der Substanz der Existenz des Menschen: In immer wiederkehrenden Motivgruppen umkreist er diese Ideen neu und neu und ein Leben lang, lässt das eine aus dem anderen wachsen und vollzieht nach und nach eine Sublimierung und Transzendierung seiner künstlerischen Aussage. Aus der einzelnen, meist weiblichen Figur entsteht das Menschenpaar, ikonenhaft, als die Einheit des Menschen in der Einigkeit von Mann und Frau, von Körper und Seele, von Individualität und Universalität. Aus den Menschenpaaren wachsen insbesondere seit der Spielberger Zeit die Engelbilder und Engelplastiken, die ihn immer mehr zu seinem letzten grossen Thema des auferstehenden, verklärten Leibes führte.
Diese Grundmotive seiner Kunst sind seine Leitgedanken und stehen zueinander in innerer seelischer Entwicklung. Es ist der Weg einer Kunst vom Irdischen ins Überirdische, der Weg einer Kunst als schöpferischer Synthese von Himmel und Erde, von Geist und Körper, von Innen und Außen.

Veit Steinacker